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St. Petri und Pauli Bergedorf
St. Petri und Pauli Bergedorf

Stell dir vor, du liegst am Strand. Oder zwischen Blumen und hohen Gipfeln auf der Almwiese. Im Urlaub. Die Anspannung ist von dir abgefallen. Du genießt den Augenblick. Die Sonne durchströmt deinen Körper. Wohlig entspannst du dich. Durch deine geschlossenen Augen nimmst du die Sonne wahr: als orangeleuchtende Schönheit. Sie mag dich daran erinnern, was du im Bauch deiner Mutter „gesehen“ hast: genau dieses leuchtende Orange. Sonne. Da hast du es in dich aufgenommen. Pures Leben. Ganz im Moment. Kein Tun, kein Erreichen-Müssen, keine Leistung. Einfach: da sein. Keine Vorbedingung. Kein Danke-sagen-Müssen. Nur Sein. Schwimmen in der Liebe. Es genügt. Das ist ziemlich nah an dem, was die spirituellen LehrerInnen aller Religionen lehren und in der Meditation suchen: ganz da sein, im Jetzt, ohne Bedingung, ohne Forderung. Wie vielleicht zuletzt im Bauch der Mutter. Da sein in der Gegenwart Gottes. Nichts verdienen müssen. Nichts erreichen müssen. Nirgendwo hinkommen müssen. Nur sein. Alles ist da: dein Atem. Dein Herzschlag. Grund, der dich trägt. Alles ist möglich. Verbunden sein. Neu geschaffen werden in die Gegenwart Gottes hinein. Ein Vorgeschmack kann die Sonne am Strand sein. Oder ein Stopp auf dem Spaziergang: Sonne in meinem Gesicht.

Ich lasse den Moment zu und bete: „Sonne in meinem Gesicht. Ich spüre dein Ja! Liebe strömt, wie ihr Licht. Du bist da!“ Ich selbst bin oft nicht in der Verbundenheit. Ich senke meinen Blick auf den Bildschirm des Laptops. Auf den Terminkalender. Ins Handy. Ich schreibe Texte. Führe Gespräche. Tue viele Dinge. Gute Dinge. Sinnvolle Dinge. Oft jedenfalls. Manchmal schlage ich auch nur Zeit tot – Als Kain mit seinem Bruder Abel in Streit geriet, kurz bevor er ihn totschlug, sagte Gott zu ihm – so wird in der Bibel erzählt: „Warum ergrimmst du? Und warum senkst du deinen Blick? Ist´s nicht so? Wenn du fromm bist, so kannst du frei den Blick erheben. Bist du aber nicht fromm, so lauert die Sünde vor der Tür, und nach dir hat sie Verlangen; du aber herrsche über sie.“ Die Sonnenblume hält den Kontakt zum Licht. Immer. Das kann ich nicht. Das macht aber nichts: Der echte Yogi kann mitten auf dem Marktplatz meditieren. Er braucht nicht die Abgeschiedenheit eines Bergklosters in Tibet.

Sonne auf meinem Gesicht: Das gibt es immer, mitten im Alltag, mitten im Getriebe. Den Blick heben, jedenfalls die inneren Augen, in die Sonne der Liebe Gottes sehen: Sonne in meinem Gesicht! Ich spüre dein Ja. Liebe strömt wie ihr Licht. Du bist da!

Das geht. Das geht immer. Und die Sonne ist immer da. Selbst wenn sie gerade auf der anderen Seite der Erdkugel scheint: Sie ist da. Wie die Mutter das Ungeborene umgibt in ihrem Bauch. Wie die Sonne meinen Körper am Strand durchströmt, so durchströmt mir die Liebe Gottes Leib und Seele. In diesen Sommer schicke ich dich/Sie mit einer Gesangbuchstrophe:

„Du durchdringest alles;
lass dein schönstes Lichte, Herr,
berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich
entfalten und der Sonne stillehalten:
lass mich so, still und froh, deine
Strahlen fassen und dich wirken lassen.“
(Andreas Gryphius)

Pastor Andreas Baldenius