... interkulturellen Lernens: Was lernen wir im Spiegel der Andersartigkeit der Anderen über uns?

Unsere Partner-Gemeinde Mbigili in Tansania bekommt einen neuen Pastor. Nach nicht einmal zwei Jahren findet ein Wechsel statt: Pastor Ulimbaga Kipole wird versetzt (wir wissen noch nicht, wohin) und Pastor Mwakipopota wird in Mbigili eingeführt (wir wissen noch nicht, wann). Für uns im UnterstützerInnen-Kreis der Partnerschaft ist das eine überraschende Botschaft: nach so kurzer Zeit?! Dabei hätten wir es besser wissen können: In den letzten 10 Jahren ist das der 5. Pastor, den wir erleben (nach Mwambola, Mbogela, Mwasandungila und Kipole), und also ist der schnelle Wechsel ca. alle 2 Jahre normal. Jedenfalls für dortige Verhältnisse.

Spontan bedauern wir den Wechsel: Kipole war uns so sympathisch, war so engagiert für die Partnerschaft, war so zupackend in seiner Art und progressiv in seiner Haltung. Das hat uns gut gefallen. Und die Sorge ist jedes Mal: Wie wird der Neue zur Partnerschaft stehen? Können wir mit Verlässlichkeit rechnen? Was bedeutet der Wechsel für unsere Partnerschaft?

Dieses Bedauern sagt allerdings nicht unbedingt etwas über Wohl und Wehe der Partnerschaft, schon gar nicht der Gemeinde in Mbigili. Es spiegelt vor allem erstmal unsere „Normal-Verhältnisse“, nach denen ein so kurztaktiger Wechsel Hinweis auf Probleme wäre und jedenfalls ganz ungewöhnlich. Bei uns in St. Petri und Pauli blieben die Pastoren meist zwei Jahrzehnte oder länger. Lediglich die erste Pastorin, Christiane Zink und später Eilrich, war eine Ausnahme: Sie verließ die Gemeinde „schon“ nach 6 Jahren wieder. Ganz früher gab es einmal die Regel für Pastoren, ca. alle 7 Jahre zu wechseln. Dazu konnte man niemanden zwingen, aber es „gehörte sich“ so. Die Stellung der Pastoren in den Gemeinden war anders als heute: Sie waren „Könige“ in ihrem Bereich, de facto (wenn auch nicht de jure) die Chefs, und es konnte leicht eine ungesunde Monokultur oder ein Nadelöhr entstehen, wenn einer zu lange blieb.

Das ist heute anders: Viel stärker als früher nehmen die Ehrenamtlichen im Kirchengemeinderat ihre Leitungs-Aufgabe ernst, viel mehr als früher tragen Ehrenamtliche auch in den Arbeitsbereichen der Gemeinde gestaltende Verantwortung. Viel mehr als früher verstehen sich PastorInnen und andere hauptamtliche MitarbeiterInnen als Team. Waren früher Diakone „Gehilfen“ des Pastors, so sind sie heute „auf Augenhöhe“. Gerade St. Petri und Pauli ist so breit aufgestellt im ehrenamtlichen wie im hauptamtlichen Bereich, dass PastorInnen längst nicht mehr so mächtig sind wie früher.

Also können sie auch länger bleiben, ohne „Schaden anzurichten“.

Die Ev.-Luth. Kirche Tansanias betrachtet die Versetzung von PastorInnen als ihr entscheidendes Personal- und Gemeinde- Entwicklungsinstrument. Während sich bei uns PastorInnen aus freien Stücken bewerben und vom KGR gewählt werden, gelobt man in Tansania bei der Ordination, überallhin zu gehen, wo der Bischof einen hinschickt. Zudem ist die Stellung der PastorInnen wesentlich zentraler in den Gemeinden. Es könnte auch sein, dass die Kirchenleitung durch häufige Wechsel ihre Macht begrenzen möchte.

Überraschend ist für uns, dass die Stabilität unserer Partnerschaft offenbar nicht von den wechselnden Pastoren abhängig ist. Ganz offensichtlich ist es „die Gemeinde“, die diese Partnerschaft trägt, also die Ehrenamtlichen, und nicht der zuständige Pastor. Trotz aller Macht und Zentralstellung der PastorInnen in Tansania scheint es also auch eine Selbstständigkeit der Gemeinden zu geben, die erstaunlich ist. Wie es wohl um die Partnerschaft bei uns stünde, wechselten bei uns die PastorInnen alle zwei Jahre? Oder um andere Arbeitsbereiche wie z. B. die KonfirmandInnenarbeit?

Schnell wird deutlich: So, wie wir es gewohnt sind, Gemeinde zu organisieren, ginge das gar nicht mit so häufigen Wechseln. Und es ergibt sich eine überraschende „Überkreuzung“: Während wir uns wundern über die Zentralstellung der Pastoren in Tansania, ja, sie als rückständig belächeln, stellt sich heraus, dass es auf der anderen Seite bei uns offenbar eine größere „Abhängigkeit“ von der Pfarrperson gibt, als unsere demokratischen Strukturen suggerieren. Wieder was gelernt. Und eine Anregung zum Nachdenken über die eigenen Strukturen bekommen.

Kipole und seiner Familie wünschen wir einen Abschied, der nicht zu sehr weh tut und einen guten Start in der neuen Gemeinde. Den Mbigiliern wünschen wir, dass sie sich weiter gut entfalten können. Pastor Mwakipopota werden wir wohl kennenlernen, wenn unsere Freunde uns 2022 wieder besuchen werden. Wir freuen uns darauf.

Pastor Andreas Baldenius