Besuch einer Delegation aus St. Petri und Pauli in der Partnergemeinde

„Wie wenn man sich die Augen gewaschen hat“ – so beschreibt ein Gemeindeglied die Rückkehr aus dem Urlaub. Wenn sie mal ausgestiegen ist aus der Alltags-Routine, einen Tapetenwechsel vollzogen hat, dann stellen sich ihr die Selbstverständlichkeiten des Alltags manchmal anders dar. Sie weiß wieder genauer, was sie will und was – eher unbemerkt – gegen ihren Willen eingerissen ist. Manche Hektik ist doch gar nicht wirklich nötig, mancher Druck selbstgemacht, manche Erholung oder auch kritische Reflexion im Alltag erreichbarer, als sie meinte.

So geht es uns noch viel grundlegender durch interkulturelle Begegnungen, die uns unsere Gemeinde-Partnerschaft immer wieder ermöglicht. Veränderungen unseres Lebensstils zugunsten einer nachhaltigen Lebensweise, die der Menschheit ein Überleben in Frieden und Gerechtigkeit auf dieser Welt ermöglichen würden, fallen uns so schwer. Weil wir uns in Zwängen sehen, weil unsere persönlichen Spielräume und Gestaltungsmöglichkeiten so klein erscheinen.

Das relativiert sich ganz schnell, wenn man jenseits touristischer Wege sieht, wie andere Menschen leben, denken, fühlen. So vieles ist möglich, das wir für unmöglich halten. Z. B.: das Verbot von Plastiktüten hat Tanzania im Alleingang durchgesetzt, ohne auf Gesamtlösungen der „Panafrikanischen Union“ zu warten, wie wir immer auf die EU verweisen, wenn wir etwas umsetzen wollen. Und auch andersherum: die Gemeinschaft von Männern und Frauen, die Aufgaben-Verteilung, die Belastung der einen zugunsten der anderen erscheint uns manchmal geradezu grotesk in Mbigili.

Wenn wir darüber mit ihnen ins Gespräch gehen, bewegt sich viel bei unseren Freunden. Vor allem aber wird uns deutlich: Auch bei uns ist nicht alles Gold, was glänzt. Zwar ist schon viel geschafft in Sachen Gleichberechtigung, auch aus theologischen Gründen und spirituellen Impulsen heraus. Aber gleichwohl gibt es (noch) die „Lohnlücke“ zwischen Männern und Frauen bei gleicher Qualifikation und Arbeit, machen überwiegend Frauen die Haus-, Pflegeund Familienarbeit, nutzen viel zu wenig Männer die Möglichkeit der Erziehungszeit, haben v.a. Frauen Teilzeit-Jobs, die sie mit Altersarmut bedrohen und von Leitungspositionen ausschließen…

mbigili
Nachdem wir gemeinsam Salat gepflanzt, gedüngt, angegossen und mit Avocadozweigen vor der Sonne geschützt haben, betrachten wir stolz unser Werk.

Wir konnten aber auch wichtige Klärungen herbeiführen im Blick auf die Zugehörigkeit unserer Freunde zur Tee- Kooperative, die fair-trade-Frage weiter vorantreiben, kritisch miteinander die Vorstellungen von „Entwicklung“ bedenken, Gottesdienste feiern, unser Verständnis von Partnerschaft vertiefen, und vor allem: Menschen kennenlernen und vorhandene Freundschaften vertiefen, miteinander lachen und spielen, an den jeweiligen Nöten Anteil nehmen und Perspektiven für die Zukunft entwickeln.

Ihr Pastor Andreas Baldenius
für den „Ausschuss Partnerschaft und Ökumene“
des Kirchengemeinderates

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