„Das Einzige, was ich verloren habe in diesen zwei Wochen, und das gerne, sind fünf bis sechs Kilo.“ – so tönte ein ebenso fettleibiger wie gut gelaunter Spitzenpolitiker auf der Bundespressekonferenz. Nach zwei Wochen Krankheit meldete sich der damalige SPD-Vorsitzende zurück auf der politischen Bühne.

Alle, die die Zeit vor Ostern zum Fasten nutzen, verlieren noch mehr, und ebenfalls gerne: neben ein paar Kilos verlieren sie die Allgegenwart der Hektik und werden ein wenig ruhiger. Sie werden, ganz ohne Krankheit, in der Fastenzeit darauf achten, was ihnen wirklich wichtig ist.

Wem es dabei um´s Essen geht, wird Gewicht verlieren und Genuss gewinnen. Wem es um die "digitalen Zeitfresser" geht, die ständige Online-Kommunikation zum Beispiel oder die Pseudo-Pausen mit hektischen Handyspielen, die uns das Gefühl geben, wirklich keine Zeit mehr zu haben, wird Freiräume gewinnen ... zum Spazierengehen, für Verabredungen, Langeweile; die Gewinn-Liste ist lang.

Wer es lieber „mit“ als „ohne“ tut – also zum Beispiel mit einem Sabbat-Tag jede Woche, mit einer Sabbat-Stunde jeden Tag, mit zehn Sabbat-Minuten jede Stunde; oder man schreibt vielleicht jeden Tag eine Postkarte an einen lieben Menschen – der wird Lebensqualität gewinnen, die uns die Alltags-Tretmühle als unmöglich vorspiegelt.

Ob nun mit oder ohne, verlieren oder gewinnen: etwas mehr Freiraum und Lebensfreude entsteht, etwas mehr Klarheit, etwas mehr Echtheit. Fasten beantwortet die Frage: Wer ist eigentlich Chef in meinem Leben? Entscheide ich, oder werde ich gelebt?

Manchmal brauchen wir, wie damals Kurt Beck, eine Krankheit, um herauszukommen aus dem Gewühle des Alltags, um mal Abstand zu gewinnen, durchzuatmen und uns neu aufzustellen. Weil die Arbeit, die Anderen, die Zeitfresser und Süchte so mächtig sind, dass wir nicht alleine dagegen ankommen. Durch Fasten bietet der Festkalender des Kirchenjahres auch ohne Krankheit die Chance, freier zu werden.

Von Gott her sind wir nicht als Arbeitstiere im Hamsterrad gedacht, sondern frei durch die Selbstbindung an ihn. Im Fasten unterbrechen wir uns selbst, um mit Gottes Hilfe stark und souverän auf die Bühne unseres Lebens zurückkehren zu können. Nach den „7 Wochen ohne“ – oder „mit“ – der Fastenzeit vor Ostern kann Ostern ganz neu seine befreiende Kraft entwickeln. Ich wünsche allen Fastenden intensive Tage und allen ein frohes Osterfest!

Pastor Andreas Baldenius