Vor hundert Jahren endete im November der Erste Weltkrieg. Der 11.11. ist in Frankreich ein Feiertag aus Anlass des Waffenstillstandes 1918. In Deutschland verbindet man heutzutage mit diesem Datum eher den Beginn der Faschingszeit…

Was lässt uns im Gedenken an das Ende des Ersten Weltkrieges 1918 heute, besonders aus christlicher Sicht, innehalten? Es gibt Spuren, die Fragen aufwerfen, Fragen nach der Rolle der Kirchen.

In Reinbek steht die Nathan-Söderblom- Kirche, benannt nach dem schwedischen Erzbischof, der 1914 vergeblich Christen der europäischen Länder zu einer Friedenskonferenz nach Schweden eingeladen hatte. Wurde zu Kriegsbeginn von vielen Menschen vor dem Berliner Schloss „Nun danket alle Gott“ gesungen, konnte man auf Fahnen lesen „Gott mit uns!“, betete man ein „Kriegsvaterunser“, so wurden gegen Kriegsende die Töne leiser. Nicht mehr nachvollziehbar ist für uns heute die Vorstellung, dass wahrscheinlich in jedem der damals verfeindeten Staaten Gott um Beistand gegen den jeweiligen Gegner gebeten wurde. In dem Gedenkbuch zum Ersten Weltkrieg in unserer Kirche finden wir den Namen eines in Bergedorf geborenen jungen Mannes, der am 5. September 1918 in Frankreich umgekommen ist. Er war Schüler, noch nicht einmal neunzehn Jahre alt, eines von vielen Beispielen für die Grausamkeit dieses Krieges. Die Entbehrungen und die vielen menschlichen Verluste haben damals noch kein erkennbares Umdenken bewirkt. Nur wenige Christen erkannten und benannten die Gefahr, die den nächsten von Deutschland begonnenen Weltkrieg ankündigte. Lediglich eine Veranstaltung zum Thema „Ist Gott tot?“ ist in der Bergedorfer Zeitung vom 26.10.1918 erwähnt.

Erst 1945 entwickelte sich zaghaft mit dem „Stuttgarter Schuldbekenntnis“ der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) ein Umdenken, das Fragen von Schuld, Verstrickung in Unrecht und Verantwortung für die Zukunft beinhaltete: „Durch uns ist unendliches Leid über viele Völker und Länder gebracht worden…“.

Außerdem ist in dem sog. „Darmstädter Wort“ des Bruderrates der EKD von 1947 u.a. zu lesen: „Wir sind in die Irre gegangen, als wir begannen, den Traum einer besonderen deutschen Sendung zu träumen, als ob am deutschen Wesen die Welt genesen könne. Dadurch haben wir dem schrankenlosen Gebrauch der politischen Macht den Weg bereitet und unsere Nation auf den Thron Gottes gesetzt…“

Das Kirchspiel beschäftigt sich intensiver u. a. mit dem Thema und lädt daher zu einer Ausstellung der Nordkirche in der Erlöserkirche Lohbrügge vom 17.11. bis 18.12. 2018 ein.

1950 gab die Synode der EKD eine Erklärung heraus, wonach jeder, der „um seines Gewissens willen den Kriegsdienst verweigert, (…) der Fürsprache und der Fürbitte der Kirche gewiss sein“ sollte. Eine Besinnung auf Gewaltlosigkeit und Friedensarbeit zeichnete sich ab. 1958 fanden erste Demonstrationen gegen die atomare Bewaffnung des Westens statt, die sog. Ostermärsche. Auch evangelische Theologen riefen dazu auf. Dabei gab es immer unterschiedliche Haltungen, gerade, wenn es darum ging, wie politisch Kirche sein sollte und durfte.

Der Veränderungsprozess in der bundesrepublikanischen Gesellschaft um 1968 erfasste auch die beiden großen Konfessionen. Pastoren einzelner Gemeinden, die EKD sowie viele Studentengemeinden engagierten sich für die Entwicklungsländer sowie bei der Beratung und Begleitung von Kriegsdienstverweigerern.

In der ehemaligen DDR wiederum waren Kirchen schon lange besondere Orte, an denen sich Menschen in „gottesdienstlichen Veranstaltungen“ treffen konnten, wenn auch staatlicherseits nicht unbeobachtet. Ungefähr seit 1983 gab es dort Friedens-, Umwelt-, Menschenrechtsgruppen, die sich auch für Reisefreiheit einsetzten. Nicht zuletzt 1989 zeigte sich, in welchem Ausmaß die evangelischen Kirchen Anteil an den friedlichen Demonstrationen und der Grenzöffnung hatten. Einzelne Pastoren übernahmen zeitweilig politische Ämter. Kirchentage, inzwischen im wiedervereinigten Deutschland, gaben und geben Impulse für die gesellschaftliche Weiterentwicklung. Viele Pastorinnen und Pastoren in ihren Gemeinden sowie prominente Vertreter repräsentieren zunehmend eine Kirche, die sich einmischt und eine Verbindung von der Botschaft des Evangeliums zu gesellschaftspolitischen Ereignissen herzustellen und Antworten auf drängende Fragen unserer Zeit zu geben versucht. Die Gesellschaft braucht die Kirchen mehr denn je.

Das von Bischöfin Kirsten Fehrs vorgeschlagene Friedensläuten mit Andacht am 21. September 2018 und der zum diesjährigen Volkstrauertag am 18. November 2018 in der Erlöserkirche Lohbrügge geplante Kirchspiel-Gottesdienst zeigen in diese Richtung.

An der Wand neben den beiden Gedenkbüchern in unserer Kirche hängt eine kleine, eher unauffällige Tafel, die sich in diesem Zusammenhang zu lesen lohnt. Im Jahr 2014 angebracht vom Kirchengemeinderat, endet der Text mit dem Satz: „Jeden Tag verbinden wir mit dem Mittagsgeläut unser Gebet: Verleih uns Frieden gnädiglich!“

Susanne Leiding-Edler