Nein, die altgläubigen Katholiken wollten diesen Mann nicht auf der Kanzel der Nikolaikirche sehen. Die Bürger hatten Johannes Bugenhagen zwar 1524 als Hauptpastor gewählt, aber der Rat der Stadt Hamburg beugte sich vorerst dem Druck der Altgläubigen. So musste der 1485 in Pommern geborene Professor der Theologie und enge Freund Luthers in Wittenberg bleiben. Trotzdem blieb Bugenhagen den Hamburger Bürgern weiterhin eng verbunden. Als sich der Rat 1528 für die Reformation entschied, gab er deren Drängen nach und holte Johannes Bugenhagen nach Hamburg.

Er blieb nur ein halbes Jahr lang in der Hansestadt, aber er bewirkte in dieser Zeit neben seinem Amt als Prediger schier Unglaubliches. Die Zustände, die er vorfand, waren verheerend, und das nicht nur im geistlichen Bereich.

Auch politisch war eine neue Ausrichtung dringend nötig. Mit großer Energie veränderte Bugenhagen in den folgenden Monaten nicht nur den Glauben, sondern auch die Organisation von Kirche, politischer Verwaltung und sozialer Wohlfahrt. Er verfasste eine Kirchenordnung, er regelte das Schulwesen neu, er wandelte die alte Nikolaischule in eine deutsche Schreibschule um und er gründete das Johanneum als zeitgemäße Lateinschule.

Vor allem veränderte der tatkräftige Theologe die Armenfürsorge. Basierte sie bis dahin ausschließlich auf Almosen, sammelte man die Spenden für die Bedürftigen von nun an in sogenannten Gotteskästen, die an jeder der damals vier Hauptkirchen eingerichtet wurden. Für deren Verwaltung waren nicht mehr Kirchenherren, sondern jeweils zwölf gewählte Bürger zuständig – sozusagen eine Art Kirchenvorstand. Dieser verhandelte mit dem Rat über alle die Kirche betreffenden politischen Angelegenheiten, während sich die Geistlichen ganz auf Seelsorge und Predigt konzentrieren konnten. Lob für diese Neuordnung erhielten die Hamburger sogar von Philipp Melanchthon, der betonte: "In diesen bewegten Zeiten war in jener Gegend keine Stadt ruhiger, weil die Besonnenheit ihrer Bürger einzigartig ist."

1529 kehrte Johannes Bugenhagen nach Wittenberg zurück, drei Jahre später übersetzte er das Neue Testament ins Niederdeutsche. Auf dem Kanzeldeckel unserer Kirche St. Petri und Pauli finden sich lauter Zitate aus dieser sogenannten Bugenhagenbibel, zum Beispiel:
„SO WHAR ALSE ICK LEVE SPRICKT DE HERE WIL ICK NICT DEN DODT DES SVNDERS SONDERN DAT HE SICK BEKERE VNDE LEVE. EZECH.33.“

Boike Jacobs