„Gott, ich danke dir für diese wunderbare Welt“ ist ein Gedanke, der mir gelegentlich bei Spaziergängen im Boberger Naturschutzgebiet in den Sinn kommt. Vor allem, wenn die Sonne scheint und die Natur (wie jetzt im Mai) in hellem, kräftigem Grün erstrahlt. Seit 2015 gesellen sich zu diesen schönen jedoch auch andere, besorgte Gedanken: Der Wasserstand war seit 2017 im Boberger See etwa 40 cm niedriger als zuvor; 2019 erlebte ich beim Pilgerwandern auf dem Via Skandinavica bei Eschede eine Woche lang Temperaturen um die 38 Grad; beim Besuch eines Blumengärtners in Ochsenwerder berichtet dieser, dass einige Blumensorten in seinen Treibhäusern nicht mehr wachsen, weil sie in Hitzeperioden regelrecht verbrennen.

„Sind das Anzeichen für den Klimawandel?“ habe ich mich gefragt. Bis 2018 war ich zwar besorgt, aber auch voller Hoffnung, weil 195 Staaten sich bei der Weltklimakonferenz in Paris darauf geeinigt hatten, die menschengemachte durchschnittliche Erderwärmung auf deutlich unter 2 °C gegenüber vorindustriellen Werten – möglichst auf unter 1,5 Grad – zu begrenzen. „Endlich werden die Menschen vernünftig und tun gemeinsam etwas, um ihre Lebensgrundlagen zu erhalten,“ dachte ich. Doch Meldungen über die blockierte Energiewende und die allmorgendliche Auto-Lawine auf den Straßen ließen mich daran zweifeln, dass die Vereinbarungen des Pariser Klimaabkommens von unserer Regierung auch umgesetzt würden.

Dann passierte etwas Schreckliches: Am 10. Mai 2018 blieb eine Gewitterzelle zweieinhalb Stunden über einem Gebiet etwa von Glinde bis Nettelnburg stehen und es regnete so ungeheure Mengen, dass unser Keller überflutet wurde – das Wasser erreichte 1,70 m Höhe und verwüstete den teilweise zum Büro ausgebauten Keller vollständig. Solche Starkregenereignisse werden durch den Klimawandel häufiger, konnte ich im Buch „Wütendes Wetter“ von der Klimawissenschaftlerin Friederike Otto nachlesen. Aus dem unsicheren Gefühl und dem Nachrichtenpuzzle über die begonnene menschengemachte Erderwärmung mit der Gefahr, dass wichtige „Kipp-Punkte“ im Klimasystem der Erde überschritten werden könnten, wurde Gewissheit! Wir steuern unaufhaltsam auf eine Klimakatastrophe zu, wenn wir den Kurs nicht zügig ändern. Von diesem Moment an war mir klar, dass ich etwas tun wollte. Zusehen war für mich keine Alternative. Im gleichen Jahr wurde Fridays for Future geboren. Junge Menschen nahmen die Warnungen der Wissenschaftler ernst und demonstrierten zu Millionen in der ganzen Welt, um Politiker an ihre Verpflichtungen aus dem Pariser Klimaabkommen zu erinnern.

Und wer genau hinschaute, konnte erkennen, dass unsere Bundesregierung die notwendigen Maßnahmen aus dem Klimaabkommen unterlief, ignorierte oder mit dem Hinweis, es gebe Wichtigeres zu tun, auf nachfolgende Generationen verschob. Die Proteste wurden lauter und häufiger, die Appelle von führenden Wissenschaftlern wurden eindringlicher und deutlicher und … ja, im kleinen Umfang wurden Maßnahmen ergriffen: Verordnungen über Gebäudedämmung, langsame Fortschritte bei der Energiewende (zur Stromerzeugung aus Windkraft und Photovoltaik) und in vielen Supermärkten wuchsen die Regale mit regionalen und Bioprodukten.

Zufällig entdeckte ich, dass sich in Rheinland-Pfalz eine berufsbezogene Klimaschutzinitiative „Psychologists for Future“ gegründet hatte. Ich nahm Kontakt auf und gründete in Bergedorf eine Regionalgruppe. Wir waren erst zu viert, dann zu siebt, schrieben Briefe an PolitikerInnen, nahmen an Demonstrationen teil und ich initiierte zusammen mit anderen Klima-engagierten Informationsveranstaltungen in Berlin vor dem Bundestag und in Bergedorf. Nach dem Trauergottesdienst für ausgestorbene Tier- und Pflanzenarten im November letzten Jahres lernte ich Salka Gärtner kennen, die sich bisher in der Gemeinde Petri und Pauli für Klimaschutz eingesetzt hat. Wir stellten fest, dass wir ganz ähnliche Sichtweisen und Bewertungen zum Zustand unserer Welt haben und beide mit großer Sorge die Zunahme der CO2-Konzentration in der Atmosphäre betrachten.

Salka war es, die mir ihre bisherigen Bemühungen zum Klimaschutz in der Gemeinde vorstellte, mit allen Erfolgen, aber auch mit den Rückschlägen und Schwierigkeiten beim Engagement in einer so komplexen Thematik. In weiteren Gesprächen mit den PastorInnen, einem Mitglied des Kirchengemeinderates und einem Mitglied des Bauausschusses entstand die Idee, die Bewahrung der Schöpfung (mit Klimaschutz als zentralem Element) in unserer Gemeinde neu zu verankern und ich wurde gefragt, ob ich mir vorstellen kann, dies zu übernehmen –unterstützt von Salka, die vorhatte, sich nach 6 Jahren zurückzuziehen. Nach etwas Bedenkzeit steht mein Entschluss: Ich will es versuchen! „Gott, ich danke dir für diese wunderbare Aufgabe“ kommt mir dazu in den Sinn. Gleichzeitig ist diese Aufgabe anspruchsvoll, denn die Prognosen der Wissenschaftler sind alarmierend! 2015 sah es noch so aus, als wenn die Menschheit bis ca. 2050 Zeit haben würde – dies wurde durch aktuelle Forschungsergebnisse, die zusammengefasst im neusten IPCCSonderbericht globale Erderwärmung stehen, widerlegt! Wir müssen bis 2030 klimaneutral werden und damit deutlich vor 2030 (also JETZT) beginnen, wenn wir noch eine Chance haben wollen.

Ich weiß um die Konfliktfelder, um die kontroversen Diskussionen und schwierigen Abwägungen, die mit wirksamem Klimaschutz verbunden sind! Ich glaube aber ebenso fest an die Chance, vor Ort in einer christlichen Gemeinde etwas im Denken, Fühlen und Handeln zu bewegen, damit daraus wirksamer Klimaschutz (und damit ein Beitrag zum Erhalt unserer Lebensgrundlagen) entstehen kann. Luther hat es so formuliert: „Hier stehe ich und kann nicht anders“ und er hat auch gesagt „und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt unterginge, so würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“.

Jan Frehse
(Diplompsychologe in Bergedorf)

Mehr Infos: www.christians4future.org