Wir haben eine „Offene Kirche“ und darüber bin ich sehr froh. Menschen haben Gelegenheit, bei uns einzukehren, zu beten, eine Kerze anzuzünden, Ruhe zu finden, einfach nur da zu sein oder auch jemanden zum Reden zu haben. Wenn es sich gerade ergibt, übernehme ich diesen Dienst gern mal für einen Moment, wenn die Kirchenwache mal aufs noch stillere Örtchen muss.

Unsere Kirche bietet Raum für Vielfältigkeit und das finde ich wunderbar, sie ist so lebendig. Sie und die Kirchengemeinde sind offen für Neues und ermöglichen ganz viel, herzlichen Dank an die dafür Verantwortlichen. Klar werden Gottesdienste und Andachten gefeiert und es gibt Konzerte, musikalische Veranstaltungen, die Nacht der Kirchen und noch mehr. Denn dieses Jahr haben wir die Kunterbunte Kirche am Rosenmontag mit allen Generationen gefeiert. Es ergaben sich viele interessante Gespräche. Besucher,

die von weit herkamen, waren begeistert.

Eine Dame sagte mir, dass sie es gut findet, dass wir trotz des Krieges in der Ukraine feiern würden. Ja, darüber hatten wir auch nachgedacht und uns trotzdem fürs Feiern entschieden. Wir haben uns dann eine zusätzliche Aktion überlegt, um das Thema aufzunehmen. Es konnten Gebete und Wünsche für den Frieden aufgeschrieben und aufgehängt werden. Diese Rosenmontagsfeier tue ihr – angesichts dieses schrecklichen Krieges – so gut, sagte die Dame noch. Es geht eben doch beides.

Manchmal habe ich mitten am Tag in der Kirche etwas vorzubereiten, fülle die Kisten mit neuen Tüten zum Mitnehmen auf oder lege Flyer aus. Bei dieser Gelegenheit gibt es zufällige Begegnungen, so auch kürzlich. Eine Frau war mit einem jungen, aus der Ukraine geflüchteten Paar in der Kirche. Sie habe ein Gebet für sie aufgeschrieben, sagte sie mir - allerdings nur in ukrainisch. Wie wunderbar, dachte ich und sagte zu ihr „Gott versteht alle Sprachen“.

Auch für mich persönlich ist die Kirche oder präziser gesagt der Kirchraum sehr wichtig – gern auch mal dann, wenn kein Betrieb ist. Manchmal denke ich an die Worte von Edith Stein, einer deutschen Philosophin,: „Wir bedürfen der Stunden, in denen wir schweigend lauschen und das göttliche Wort in uns wirken lassen“. Ich kann dort zur Ruhe kommen, höre erst noch die Geräusche der Welt draußen, ein Martinshorn in der Ferne, das Rauschen der Kornwassermühle oder die Menschen auf dem Kirchenvorplatz. Allmählich nehme ich den Kircheninnenraum wahr, das Knacken der Balken, das wunderbare Licht und all' die vertrauten Bilder und Gegenstände. Nach und nach komme ich bei mir an, lausche schweigend und hoffe auf einen Augenblick der Gottesgegenwart.

Ich weiß, diese Momente bekommen wir nur geschenkt und wir dürfen sehr glücklich sein, sie zu erleben. Und manchmal lausche ich dem Orgelschüler oder dem Kantor, wenn er für den Gottesdienst übt. Es sind so wunderbare Klänge, sie durchdringen mich und öffnen mich und alles in mir singt „Geh' aus mein Herz und suche Freud“.

Diakonin Astrid Hildebrandt