Es ist wahrscheinlich das erste Mal seit über 800 Jahren. Vielleicht sogar seit über 900: In der Urkunde von 1162, in der die Kirche St. Petri und Pauli erstmals erwähnt wird, heißt sie bereits „das alte Kirchspiel Bergedorf“. Seitdem wurden jedenfalls regelmäßig Gottesdienste gefeiert, auch in Kriegs- und Hungerzeiten, auch unter der Pest und der Cholera.

Jetzt aber hat schon seit dem 3. Advent 2020 kein „normaler“ Gottesdienst mehr stattgefunden*. „Anormale“ schon: Beerdigungen, Trauungen, Taufen, unter strikten Sicherheitsauflagen und mit wenig Menschen. Die sonn- und feiertäglichen Gottesdienste aber hat der Kirchengemeinderat beschlossen, ins Internet zu verlegen, ausgedruckt zu verteilen, mit Ersatz-Angeboten wie „Kar-Paketen“, thematischen Spaziergängen und „Oster- WUNDERtüten“ zu ergänzen.

So lange schon! Und: trotzdem alle umliegenden Gemeinden aller Konfessionen anders verfahren. Was ist der Grund?

Zunächst: Evangelischerseits ist tatsächlich jeder Kirchengemeinderat selbst verantwortlich. Niemand entscheidet „von oben“ und für andere. Das ist im römischkatholischen Raum (z. B.) anders …

Dann: Auch wir vertrauen unseren Sicherheits-Konzepten, die wirklich besonnen jedes Risiko nahezu gegen Null fahren. So können wir die lebensbegleitenden, besonderen Gottesdienste getrost feiern. Es ist zwar ein hoher Aufwand, v. a. für die Ehrenamtlichen, die das mit zusätzlichen Ordnerdiensten ermöglichen. Und immer wieder müssen Familien schmerzhaft entscheiden, wer – um die Höchstzahl nicht zu überschreiten – nicht teilnehmen darf. Aber es geht.

Weiter: Gottesdienste sind, anders als Kulturveranstaltungen, kein „nice-tohave“, können also nicht einfach verboten werden. Als Lehre aus der Gleichschaltung durch die Nazis in der dunklen Zeit haben sie Verfassungsrang und dürfen nur in streng definierten Ausnahmefällen staatlicherseits beeinflusst werden. Das war im ersten Lockdown im Frühjahr 2020 so, als wir noch nicht genug über das Virus wussten. Jetzt ist diese Schwelle nicht erreicht. Deswegen im Blick auf die versuchten „Ruhetage“ über Ostern nur der Appell der Regierenden an die Kirchen und Religionsgemeinschaften. Das dürfen sie nicht anders. Und wir dürfen Gottesdienste veranstalten und sollten es auch, um die Menschen, die BergedorferInnen, die Gesellschaft in dieser schwierigen Zeit zu begleiten. Das ist unser Auftrag: das Evangelium verkünden in Wort und Tat; öffentlich, regelmäßig, verlässlich, tröstlich, befreiend.

Warum tun wir es trotzdem „nur“ in den genannten anderen Formen?

Es ist letztlich nur, um der Vernunft zu folgen, die sagt: Trotz aller Rechte und Erlaubnisse und Sehnsüchte, trotz allen Vertrauens in Sicherheitskonzepte, trotz allen Beispiels umliegender Gemeinden ist es doch die beste Art, einander vor Ansteckung und die Gesellschaft vor einer unabsehbar sich hinschleppenden Hängepartie zu schützen. „Kontakte reduzieren“ ist das Gebot der Stunde, der Tage, Wochen und Monate. Immer wieder fällt der Zeitpunkt der Entscheidung zusammen mit einem beunruhigenden Anstieg der Infektionszahlen.

Wir haben abzuwägen, auf welche Weise wir den Menschen am meisten dienen. Womit ist klar: Mit der Verkündigung des Evangeliums in Wort und Tat. Deswegen alternative Gottesdienst-Formen auf mehrere verschiedene Weisen. Deswegen „Bergedorfer Suppentopf“ in der Kirche, nicht im Gemeindehauskeller. Deswegen Telefonketten, Mutmachaktionen, Balkonkonzerte, intensive Zusammenarbeit mit allen sozialen Initiativen und Einrichtungen rund um Obdachlosigkeit und vieles mehr.

Der Kirchengemeinderat macht sich die Entscheidung nicht leicht und fällt sie jeden Monat neu und bei besonderen Veränderungen auch mal in einer Sondersitzung. Jedesmal wird ausführlich diskutiert, auch wenn neue Argumente selten sind. Aber die Abwägung muss schon sein.

Bisher mit dem Ergebnis: keine Präsenz- Gottesdienste. Wir sehnen uns nach dem Tag, an dem wir meinen, anders entscheiden zu können!

Ihr Pastor Andreas Baldenius