Klingt gut, oder? Einfach nachmachen, und schon ist die Welt in Ordnung! Kein Neid mehr und keine Anhäufung von Reichtum auf Kosten der Armen; keine Lieblosigkeit und unmenschliche Behandlung unter uns Menschen; kein Krieg mehr und keine Umweltzerstörung … Im Grunde wissen wir ja auch, wie´s gehen müsste. Wir wissen es doch!

Tja, wenn´s so einfach wäre! Was der ehemalige Aachener Bischof Hemmerle scheinbar so griffig ausgedrückt hat in seiner Weihnachtsbotschaft Anfang der 90er Jahre, beschreibt für mich eher das Dilemma: Das Adjektiv „menschlich“ tut so, als wäre es ganz leicht, liebevoll, achtsam, gerecht zu sein. Als wäre es geradezu die Natur des Menschen, gut zu sein.

Aber wenn das wirklich so wäre, sähe unsere Welt anders aus. „Menschlich“, das beschreibt für mich in Wirklichkeit eher die Grenzen unseres Gut-Seins. Das Menschliche ist halt oft – „allzu menschlich“. Also eher: unmenschlich. Ganz normalerweise.

Kennt Jesus die Menschen so schlecht, wenn er sagt: „Seid barmherzig, wie auch euer Vater barmherzig ist“? Dieses Zitat von ihm aus dem Lukas-Evangelium ist die Losung für das Jahr 2021. Das „Motto“ des Jahres. Seine Überschrift. Und es klingt ähnlich wie der flotte Spruch von Bischof Hemmerle. Aber Jesus müsste doch wissen: So einfach ist das nicht für uns Menschen.

Ich glaube, wir müssen den Zusammenhang des Zitats beachten. Lukas erzählt vorher von der Geburt Jesu und von seiner Taufe, von seiner „Initiation“ in der Wüste und vom Beginn seiner Wirksamkeit. Und da geht´s von Anfang an „allzu menschlich“ zu: In der Synagoge von Nazareth kommt´s zum Konflikt, und schon da, ganz am Anfang (Kapitel 4), wollen seine Gegner ihn lynchen. Warum? Weil er den Anspruch vertrat, die Verheißungen Gottes seien in ihm erfüllt (4, 16-21. Hand auf´s Herz: Wer mit diesem Anspruch unter uns aufträte, würde – wenn schon nicht von der Klippe gestürzt, so doch zumindest in die Psychiatrie eingewiesen).

„Seid barmherzig“ heißt also nicht (mehr): „Stellt aus eigener Kraft und weil ihr so gut seid das Reich Gottes unter euch her, indem ihr Gutes tut“. Sondern: „Weil schon alles für dich getan ist, kannst du loslassen, was dich daran hindert, gut zu sein und du kannst einfach „Ja!” sagen”. Gut wird der Mensch – und dann auch barmherzig – dann, wenn er/sie nichts mehr von sich erwartet, aber alles von Gott.

Das klingt paradox und ist es auch, aber hier liegt wirklich das Geheimnis, meine ich: Hör auf, gut sein zu wollen und auch noch wissen zu meinen, was es für andere bedeutet, gut zu sein. Lass dich fallen in Gottes Hand. Siehe, du wirst ein neuer Mensch sein.

Ein Mensch! Nicht allzu menschlich, sondern göttlich. Und dadurch: menschlich. So, wie sich Jesus hat fallen lassen in die Hand des Schöpfers: „Nicht wie ich will, sondern wie du willst“. Und neu erschaffen wurde in der Auferstehung von den Toten. In diesem Sinne des Loslassens und der Hingabe an Gott könnte Bischof Hemmerle recht haben: „Mach´s wie Gott: werde Mensch!“

Pastor Andreas Baldenius