Der Oktober liegt vor uns und mit ihm das Erntedankfest. Das ist nicht nur der eine Sonntag, sondern ich bin in meinen vier Seniorenzentren und vielen Besuchen mit diesem Fest unterwegs und in Gedanken, wenn ich auf die üppig gewachsenen Trauben in unserem Garten sehe.

Erntedank, wie wir es kennen, ist ein fröhliches, schönes Fest, mit Brot und Wein auf dem Altar, Äpfeln, Kartoffeln, Marmelade, Kürbis und den üppigen Sonnenblumen davor. Musik und Lieder, Abendmahl feiern und gemeinsam essen, so kennen wir es. Erntedank, wie wir es kennen, in Coronazeiten? Da fällt mir zuerst ein, was alles nicht geht. Gemeinsam singen – fällt aus, höchstens mit Mundschutz summen. Abendmahl feiern – viel zu gefährlich mit seinen Ansteckungsmöglichkeiten. Erntegaben im Anschluss teilen – was ist mit den Hygieneregeln? Umzüge mit dem Erntewagen – kann es dafür ein Hygienekonzept geben? Wie sollen wir da feiern? Auch sonst ist nicht viel Anlass zum Feiern. Eher zur Klage, wenn ich an die KarstadtmitarbeiterInnen denke, denen zum Ende des Jahres gekündigt wurde und die ihre Arbeit verlieren. Im Sachsentor wird es stiller. Zwei riesige Häuser werden leer stehen. Was wird daraus werden?

Karstadt ist nicht das einzige Haus, das schließt. Viele Menschen verlieren ihre Arbeit, die sie finanziell absichert und ihnen Sinn, Kontakt und Anerkennung gibt. Das Danken fällt mir nicht leicht in dieser Zeit. Die Klage ist mir näher, wenn ich auf das sehe, was alles nicht geht, was uns bedroht und sich verändert. Ich denke an den Bibeltext in diesem Jahr für Erntedank, Markus 8, 1-9: Jesus hat drei Tage mit vielen Menschen geredet. Sie haben alle den Kopf und das Herz gut gefüllt, aber der Magen ist leer. So können sie schlecht nach Hause kommen. Jesus sagt zu seinen Jüngern: Gebt ihr ihnen zu essen. Die Jünger sagen: Jesus, wir sind in der Wüste, woher sollen wir so viel Brot nehmen, um alle sattzumachen?

Das ist unmöglich! Jesus sagt: wieviel Brote habt ihr und wie viele Fische? Als das Wenige vor ihm liegt, was sie eingesammelt haben, nimmt er es und dankt Gott. Allein das ist wunderbar: Jesus lässt sich von dem Mangel nicht so sehr beeindrucken, dass er aufgibt, sondern dankt für das, was da ist, und kann es weggeben im Vertrauen, dass Gott im Spiel ist. Ich höre von der Hoffnung, dass aus dem Wenigen viel wird, aus dem Unmöglichen etwas, was keiner erwartet hat: alle teilen und alle werden satt.

Also klar, die Klage hat ihr Recht, aber das Danken will ich nicht aufgeben. Das leitet mich in eine neue Richtung des Denkens und bringt mich dahin, einzutreten für das, was dennoch möglich ist und neu entstehen kann an Gemeinschaft, wie es bei Jesus sichtbar wird. Ich will auch danken für die Trauben im Garten, für das, was an Kontakt und Beziehungen neu gewachsen ist in meiner Arbeit, für den Trost in schwierigen Zeiten und für den Segen Gottes, den er durch unsere Hände gehen lassen will.

Pastorin Angelika Schmidt