Seit den ersten Tagen der Christenheit gibt es für ChristInnen eine neue Wirklichkeit aus der Krise. Es gibt kein Zurück zu einer Normalität vor der Krise. Es ist eine auffällige Gemeinsamkeit der sonst so unterschiedlichen Osterberichte: der Auferstandene wird an seinen Wunden erkannt. Das scheint mir zu bedeuten: Nicht wie vor der Krise ist er bei ihnen, als wäre Karfreitag ungeschehen gemacht. Das neue Leben, die neue Wirklichkeit, die neue Normalität kommt aus der Krise. Sie ist seitdem bestimmt von der Sendung der Jünger durch den Auferstandenen an Pfingsten: „Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich Euch“ (Johannes-Evangelium, Kap. 20).

Ich glaube, dass das auch heute die Grundstruktur christlichen Lebens ist. Nicht das Zurück vor die Corona-Krise bringt das neue Leben. Sondern der pfingstlich-begeisterte Neuanfang, der die Krise als Handeln Gottes in der Geschichte deutet und aus ihr lernt. So, wie auch Karfreitag und Ostern Gottes Handeln waren, trotz aller Irritation und Not, die sie ausgelöst haben. Ganz grundlegend und vor allem: Befreiend und heilend hat Gott – im Rückblick sichtbar – in all dem gehandelt. Die neue Normalität ist für ChristInnen geläutert durch die Krise und durch ihre glaubende Durchdringung als befreiendes Handeln Gottes.

„Wie mich mein Vater gesandt hat, so sende ich euch“, sagt der Auferstandene. So beginnt die neue Normalität, in der die JüngerInnen das Alte hinter sich lassen und die Sendung Jesu als eigene Sendung übernehmen. „Kommt her zu mir alle, die ihr mühselig und beladen seid“, hatte der vorösterliche Jesus den Menschen zugerufen. Sie kamen, ihre Sünden wurden ihnen vergeben, sie wurden geheilt in einem ganzheitlichen Sinne. Und nun werden sie – werden wir in der Nachfolge Jesu – selbst zum Messias der Welt, gesandt vom Auferstandenen, wie Gott ihn gesandt hatte.

Was das bedeutet für unsere Normalität nach der Krise, müssen wir nach Maßgabe der Bibel miteinander herausfinden. Klar ist: Diese Krise ist nicht schicksalshaft vom Himmel gefallen, sondern wurde durch unsere Lebensweise zumindest begünstigt. Die Zerstörung der Lebensräume der Wildtiere und die immer drangvollere Enge von Natur und Zivilisation haben das Überspringen des Virus vom Tier auf den Menschen ermöglicht und werden das immer neu tun. Dies war ja auch nicht das erste Mal – SARS, Ebola und viele andere Mutationen gab es vorher – und es wird nicht das letzte Mal sein. Die Globalisierung einzig nach wirtschaftlichen Kriterien hat die rasende Verbreitung über die ganze Welt ermöglicht, bzw. die Eindämmung unmöglich gemacht. Die Abhängigkeit von internationalen Lieferketten, in die wir uns begeben haben, weil es billiger war, hat die Bekämpfung vielerorts dramatisch erschwert. Die Verbindungen von ökologischer und Klima-Krise mit der Corona-Pandemie treten immer deutlicher zu Tage.

Also muss die neue Normalität anders aussehen als die alte. Wir brauchen einen pfingstlich-geistbegabten Aufbruch in die Wirklichkeit Gottes, indem wir die Krise als sein Sterben am Kreuz und unsere Erneuerung als seine Auferstehung bewahrheiten. In einer Normalität, die nicht vor die Krise zurückgeht, sondern aus ihr hervorgeht als etwas wirklich Neues. Das verleihe Gott uns allen!

Pastor Andreas Baldenius