Ankommen und erwartet werden. Das ist das Gefühl, wenn man auf dem Berg steht, von dem aus die Kathedrale in Santiago de Compostela erstmals zu sehen ist. Auf diesem Berg treffen alle südlichen Wege zusammen. Den Pilger:innen sieht man an, ob sie die entspannte Route an der portugiesischen Küste mit ihren zauberhaften Meeresblicken gelaufen sind („Via Portugais").
Pilger:innen von der Route „Via de la Plata” aus Sevilla kommend, haben trotz ihres langen Weges von rund 1.000 km nur wenig Gepäck auf dem Rücken. Der Weg ist lang. Jedes Gramm Gewicht belastet Geist und Seele. Aber ganz gleich von wo die Pilger:innen kommen, hier oben lächeln sie alle. Auch ich habe mich im Mai in die Gruppe der Finalist:innen eingereiht. Nur noch 7 km. Ich konnte es kaum glauben, dass hinter mir tatsächlich 230 km Fußweg lagen. Gestartet in Porto am 2. Mai um 9 Uhr, Ankunft ohne Verspätung am 19. Mai 2026 um 15 Uhr.
17 Tage Schritt für Schritt, nichts denken, meditieren, leise summen, über das Leben und über Gott nachdenken. Am Anfang war alles nach hinten gerichtet. Alle Lebensstationen wie auf einer Perlenschnur aufgefädelt. Auch die zerkratzten, angebrochenen Teile der Kette fügen sich – es war ein gutes Leben. Und dann kam das große Leerwerden, auf das ich so gehofft hatte. Frei von allen Sorgen und Befürchtungen. Und obwohl ich allein sein wollte, fand ich Gemeinschaft auf dem Weg. Frauen aus Neubrandenburg. Christen in einer kleinen Kirche in Baiona, die mir sagten „wir gehören zusammen“, obwohl ich keines ihrer Willkommensworte verstand und nur ein verschämtes Gracias erwidern konnte. Ein portugiesischer Sänger, mit dem wir ein Stück des Weges gesungen haben. Und Gott war auch da. In dem Kind, das mir ein „Bom Caminho“ über die Straße zurief, als ob ich die einzige Pilgerin sei. In dem Hund, der mich so gerne begleitet hätte. In dem Gefühl, dass ich eine Katze vor dem Verhungern gerettet habe, zumindest an diesem Tag. Gott war da in dem Ozean, der so blau ist, wenn die Sonne scheint, dass es die Tränen in die Augen treibt. Und irgendwie in der Freundin, die mir die letzten 100 km leicht machte.
Und dann die Kathedrale. Pascal Mercier schreibt: „Ich möchte nicht in einer Welt ohne Kathedralen leben. Ich brauche ihre Schönheit und Erhabenheit. Ich brauche sie gegen die Gewöhnlichkeit der Welt. Ich will zu leuchtenden Kirchenfenstern hinaufsehen und mich blenden lassen von der herben Kühle der Kirchen. Ich brauche ihr gebieterisches Schweigen…“. Dann, wenn der Gottesdienst für die Pilger:innen schon fast vorbei ist, wenn die Herkunftsländer verlesen wurden, wenn man das Gefühl hat, zu dieser großen Gemeinschaft mit eigenem Durchhaltevermögen beigetragen zu haben, kommt der Höhepunkt. Die Botafumeiro – ein großes 50 kg schweres Weihrauchfass wird von sieben Männern in die Höhe geschwungen. Der Weihrauchduft erfüllt die Kathedrale und die Herzen der Menschen. Frieden für mich, für die anderen Pilger:innen, für meine Freundin, für die Frauen in Neubrandenburg, die es nicht bis in die Kathedrale schaffen konnten. Frieden für die Pilger:innen, die an diesem Tag in der Kathedrale vereint sind. Frieden für unsere Welt. Umarmung und Tränen. Angekommen und erwartet.
Habe ich Sie neugierig gemacht? Kommen Sie gerne zum Bilderabend vom Pilgerweg und der Kathedrale am 24.11. um 18 Uhr im Pauli-Saal (Altes Pastorat).
Ihre Prädikantin Dr. Nicole Knaack