Johannes Bugenhagen

Hamburg war kein einfaches Pflaster für reformatorische Ideen. Prediger aus Wittenberg scheiterten an der Sprachbarriere, denn in Hamburg wurde niederdeutsch gesprochen. Ein Drittel der Hamburger Bevölkerung hatte kein Bürgerrecht. Sie waren Mägde, Knechte oder Packer und Träger im Hafen. Doch ob bettelarm oder reicher Hanseat – die Hamburger waren vor 500 Jahren ein gottgläubiges Volk. Etwa 350 Priester kümmerten sich um das Seelenheil.

Ein Nonnenkloster in Harvestehude und das Dominikanerkloster St. Johannis prägten das geistliche Leben. Die Hamburger besuchten mindestens einmal die Woche eine Seelenmesse, glaubten an die Wunderkraft der Heiligen und dass sie zwischen ihnen und Gott im Himmel vermitteln könnten. Von einem päpstlichen Gesandten kaufte man Ablassbriefe. Der Erlös kam den Klöstern und dem Papst in Rom zu gute. So hatten sich die Menschen in Hamburg eingerichtet und auch die Pfarrer hatten ein gutes Auskommen. Viele der Dominikaner lebten trotz des Verbotes mit Frauen zusammen, sie bereicherten sich an den Spenden und verkauften Kirchenschmuck.

1521 ging dem Pastor Ordo Stenmel von St. Katharinen der Ablasshandel zu weit. Er predigte gegen die Sittenverfall an. Ein Rostocker war zu dieser Zeit Gast im Dominikanerkloster. Stephan Kempe unterstützte seinen Amtsbruder. Denn die Zeit war reif. Längst hatte sich auch das Bürgertum mit den Thesen Luthers beschäftigt und Eingang in die Hauskreise der Hamburger Kaufleute gefunden. Da in diesen Häusern auch Mägde, Knechte und Hausarme Unterkunft bekamen, verbreiteten sich die Gedanken schnell, der wohl mehr mit politischem Kalkül als theologischer Auseinandersetzung zu tun hatte. Die Reformfreudigkeit der Hamburger wurde nämlich durch den Hamburger Schulenstreit unterstützt. Alle Schulen standen bis dahin vollständig unter der Kontrolle der Kirche. Der Domscholastikus Banzkow legte den Lehrplan fest und kümmerte sich persönlich um das Schulgeld. Während das Schulgeld stieg, ließ die Qualität der Lehrer nach. So kam es zu einem Konflikt zwischen Stadtregierung und dem Domscholastikus. Während die Lernbedingungen immer schlechter wurden, verhinderte Banzkow die Schulbildung für Frauen und Mädchen ganz und gar. Das war den alteingesessenen Hamburger Familien ein Dorn im Auge. Sie wünschten sich für ihre Töchter und Söhne eine gute Bildung.

1522 schließlich verfassten die Älterleute der Zünfte, Eltern von langansässigen Familien und Stadträdte eine Petition. Sie verlangten die Mitbestimmung bei der Besetzung der Pfarr- und Lehrerstellen. 1526 endlich konnten die Kirchspielgeschworenen den Magdeburger Lutheraner Johann Zegenhagen berufen. Im selben Jahr verbot der Rat, den Pastoren gegenseitig Hass zu predigen, denn zwischen den Hamburger Kirchenleuten war ein Kampf der Worte ausgebrochen. Die Lutheraner protestierten nachhaltig und so kam es, dass auch lutherische Kandidaten in den Rat berufen wurden. Protestanten widersetzten sich nicht der starken Verflechtung von Kirche und politischer Macht, sondern veränderten sie. Johannes Bugenhagen wurde gerufen, um eine neue Kirchenordnung für Hamburg zu entwerfen. Im Januar 1529 wurde festgelegt, dass diese Kirchenordnung gelten solle und Hamburg fortan protestantisch ist.

Dr. Nicole Knaack